Warum ich meine Apple Watch nach einer Woche zurückgab / by Nick Schreger

Zugegeben, das Thema ist nicht mehr so ganz neu - da zu Weihnachten die Zahl der Besitzer einer Apple Watch sicherlich zugenommen hat, dürfte dieser Beitrag dennoch auf Interesse stossen.

Als die Apple Watch angekündigt wurde, hatte diese schon einen schweren Stand bei mir - ich liebe grosse, mechanische Uhren - und die Apple Watch ist weder das eine noch das andere. Die versprochene Funktionalität hingegen war von Anfang an reizvoll. E-Mails und Nachrichten mal eben schnell checken können, ohne das iPhone aus der Tasche zu kramen - das hatte was. Auch Terminerinnerungen und Details zu Reiseverbindungen schnell und unkompliziert zur Hand zu haben war etwas, dass ich mir in der Praxis sehr gut vorstellen konnte.  Und so ging ich mal spontan in den Apple-Tempel in Zürich, um mir das Teil mal anzuschauen. Ich muss etwas sehen und anfassen, bevor ich es kaufe.

Bei "Armbanduhr" denke ich viel lieber an so etwas

Bei "Armbanduhr" denke ich viel lieber an so etwas

Der Verkäufer war sehr freundlich und legte mir die Uhr um, als würde sich danach mein Leben verändern und ich diese nie wieder hergeben wollen. Entsprechend ernüchtert war er, als ich nach wenigen Sekunden lächelte und dankend ablehnte. "Warum?" fragte er ungläubig. Ich holte meine grosse Diesel "Badass" Uhr aus der Tasche und sagte "das ist für mich eine Uhr". Ich verliess den Laden und erzählte in den folgenden Tagen im Freundeskreis von dieser Erfahrung, als wäre ich einem bösen Drachen entkommen. Nein, die Apple Watch war nix. Nicht für mich.

Allerdings achtete ich ungewollt immer mehr darauf, wie oft ich am Tag das iPhone aus der Tasche holte um zu schauen, was und wer da gerade "ping" gemacht hatte. Und eine krächzende Stimme im Ohr sagte jedes Mal "siehste, mit der Apple Watch hättest du das jetzt nicht machen müssen!" Ich fing an, diese Stimme zu hassen - denn sie hatte recht. Mit Blick auf meine stolze Uhrensammlung daheim schien es mir aber trotzdem idiotisch, all diese wegen einer - noch dazu hässlichen, kleinen - Uhr aufzugeben. Aber der Mensch ist ja nicht rational, und schnell erfand ich Auswege - etwa den, die Apple Watch nur an Tagen zu tragen, in denen ich viel unterwegs sei. Und schon gar nicht im Ausgang. Etwa zehn Tage später stand ich wieder im Apple Store und fragte noch einmal nach der Uhr - diesmal aber, um sie zu kaufen. Ich wusste aber inzwischen, dass man bei Apple alles innerhalb von 14 Tagen ohne wenn und aber wieder zurückgeben kann.

Da hatte ich sie noch - Erinnerungsfoto ohne Wehmut

Da hatte ich sie noch - Erinnerungsfoto ohne Wehmut

Der Verkäufer ging mit mir in den hinteren Bereich und überreichte mir feierlich eine längliche weisse Schachtel - das letzte mal wurde mir so ein Diplom überreicht. Die Uhr wurde ausgepackt und vor Ort eingerichtet. Ich nahm währenddessen meine schöne, grosse mechanische Uhr vom Handgelenk, und der Verkäufer konnte sich ein "na, die hat ja dann jetzt wohl ausgedient" nicht verkneifen. Ich dachte mir meinen Teil und verliess zehn Minuten später den Store mit einem unscheinbaren, leichten, flachen Glasbaustein am Handgelenk - und ich bereute es bereits ein wenig.

Die folgenden Tage waren im wahrsten Sinne des Wortes aufregend, denn so manches Mal regte ich mich über meine Neuanschaffung auf - mochte das aber zunächst nicht zugeben, da ich ohnehin dem Gespött meiner Mitmenschen ausgesetzt war, denen ich erst Tage zuvor noch versicherte, die Apple Watch sei nichts für mich. Sie sollte eine faire Chance bekommen. Und sie versagte auf der ganzen Linie.

Optik und Haptik

Für einen Freund analoger, mechanischer Uhren ist dieses Gadget nichts, aber auch gar nichts. Sie hat den Chic und Charme einer 80'er Jahre Casio-Uhr mit Taschenrechner. Jonathan Ive (seit vielen Jahren Chefdesigner von Apple) hat in der Vergangenheit tolle Sachen hervorgebracht - diese Uhr gehört meiner Meinung nach nicht dazu. Die kleinere Variante ist nichts, was sich eine stilbewusste Frau ans Handgelenk machen würde, und die "grosse" Variante mit 42mm Durchmesser ist noch immer zu klein, um Informationen so zu präsentieren, dass man sie schnell und ohne die andere Hand dazu zu nehmen lesen kann. Ich erinnere mich an eine Situation, in der ich mit der Nasenspitze auf das Display tippte, weil meine rechte Hand nicht frei war. Ich weiss noch wie ich hoffte, dass mich niemand dabei gesehen hat. Die Krone an der Seite ist erst ab der aktualisierten WatchOS Version vernünftig nutzbar, der Touchscreen verfügt zwar über Force-Touch wie das iPhone 6S, ist aber zu klein für eine effiziente Bedienung - und ich habe keine Wurstfinger.

Nachrichten lesen und beantworten

Als ich mich mit der Apple Watch beschäftigte, bestand noch nicht die Möglichkeit, dass Drittanbieter ihre Apps nativ auf der Uhr laufen lassen können. Ich bekam also die Info, dass ich eine Whatsapp-Nachricht erhalten hatte, konnte diese aber nur auf dem iPhone lesen. Ähnlich war es mit dem Facebook-Messenger. Hier konnte ich die Nachricht zwar lesen, aber nicht beantworten. Als E-Mail client nutzte ich Google Mail. Auch hier bekam ich die Info, dass Nachrichten eingegangen seien - konnte sie aber nicht lesen. Nur die Apple Apps Nachrichten und Mail waren in der Lage, Nachrichten vollständig anzuzeigen und beantworten zu lassen (per Spracheingabe). Mir ist bekannt, dass sich dies inzwischen gebessert hat - für Whatsapp besteht aber nach wie vor nicht die Möglichkeit, Nachrichten per Spracheingabe zu beantworten. 

Terminkalender und Erinnerungen

Der Bildschirm der Apple Watch ist definitiv zu klein, wenn man einen strammen Terminkalender mit mehreren Einträgen am Tag hat. Das aktuelle Betriebssystem der Apple Watch hat hier eine deutliche Besserung gebracht, da man nun mit der seitlichen Krone viel besser navigieren kann. Als ich die Uhr testete ging dies aber noch nicht, und so beschränkte sich der praktische Nutzen für mich darauf, an bevorstehende Ereignisse erinnert zu werden. 

Telefonieren

Ich telefonierte ein einziges Mal mit der Uhr und kam mir dabei so dermassen bescheuert vor, dass ich mich vor mir selber schämte. Hinzu kam, dass meine Gesprächspartnerin mich zwar gut verstehen konnte, ich sie aber so gut wie gar nicht, da ich mitten in der City war und die Uhr viel zu leise ist - selbst wenn man sie ans Ohr hält und dabei noch bescheuerter aussieht.

Fitness-Tracker

Eine Funktion, die ich nicht brauche und nicht nutzen würde. Testweise probierte ich ein paar Apps aus, und keine davon war in der Lage, brauchbare Daten zu liefern. Oft scheiterte es auch an der Kommunikation zwischen Telefon und Uhr.

Akku-Laufzeit

Ein absoluter Witz und einer der Hauptgründe, weswegen mir auch heute nicht einfallen würde, der Uhr mit neuem Betriebssystem eine zweite Chance zu geben. Das man sich überhaupt getraut hat, das Produkt mit einer derart miesen Laufzeit auf den Markt zu bringen, finde ich verwunderlich. Die wenigen Nutzer, die ich kenne, haben drei oder mehr Ladestationen und legen die Uhr praktisch immer ab, wenn sie nicht unterwegs sind: im Büro, daheim, im Auto...

Fazit

Die LG Watch R, ein mittlerweile schon etwas älteres Modell unter den Smart-Watches.

Die LG Watch R, ein mittlerweile schon etwas älteres Modell unter den Smart-Watches.

Jemand, der wie ich analoge mechanische Uhren liebt, wird sich nie mit dem Konzept Apple Watch anfreunden können. Dafür gibt es inzwischen ganz hervorragende Android-Uhren, wie die Huawai Watch. Diese sehen nicht nur aus wie eine "richtige" Uhr - sie sind oft günstiger und haben allesamt eine Akkulaufzeit, die auch bei häufiger Beanspruchung locker (!) einen ganzen Arbeitstag durchhält. Seit kurzem funktionieren Android Uhren auch in Verbindung mit einem iPhone und sind also auch für Apple-Nutzer eine interessante Alternative. Ich selber habe eine LG Watch R "just for fun", sie zeigt mir zuverlässig alle Termine, Nachrichten, Puls und das Wetter an, lässt mich Timer und Wecker per Spracheingabe einstellen und dient sogar als Navigationshilfe, wenn über Google Maps eine Route geplant wurde. Dabei kostet sie weniger als die Hälfte der Apple Watch und muss alle zwei Tage (!) auf die Ladestation. Ich trage sie tatsächlich an Tagen, an denen ich viel unterwegs bin, und bei Konzert-Shoots in dunklen Clubs ist sie ebenfalls sehr nützlich. Sonst bleibe ich bei meinen analogen, klobigen, mechanischen Uhren - was schon immer gut war, kann jetzt nicht plötzlich schlecht sein.

Die Rückgabe der Uhr im Apple-Store erfolgte übrigens absolut problemlos - es spricht also nichts dagegen, eigene Erfahrungen zu sammeln.