Viel Freude, viel Arbeit / by Nick Schreger

Gestern passierte es wieder - ich unterhalte mich auf dem Bahnsteig mit einem Herrn und er erzählt wie streng sie es momentan im Geschäft hätten und dass seine Hobbies zu kurz kämen, und grad wo er fertig ist schaut er mich mit diesem "du bist dran" Blick an, in der Hoffnung, von mir eine mindestens gleich klagende Geschichte zu meinem Job zu hören. "Ich bin Fotograf", erwiderte ich mit einem mitleidsvollen Lächeln. Und da war er, dieser abfällige Blick in dessen Erwartung ich bereits überlegte, wie ich reagieren sollte. Der einfahrende Zug und die aufkommende Hektik auf dem Bahnsteig kamen einer Rechtfertigung meinerseits zuvor. Auf der Fahrt beschloss ich dann, mich nie wieder für meinen Beruf rechtfertigen zu wollen. Naja, fast, denn dieser Blogbeitrag ist ja irgendwie auch wieder so etwas wie eine Rechtfertigung.

Bevor ich in die Schweiz kam hatte ich das Glück, in verschiedenen Ländern und auf verschiedenen Kontinenten leben und arbeiten zu dürfen, und ich kann sagen dass nirgendwo sonst Qualität und Dienstleitung so geschätzt werden, wie hier. Der Schweizer erwartet bedingungslose Qualität, bringt dieser aber auch eine Wertschätzung entgegen die es mir wiederum erheblich einfacher macht, mich Tag für Tag mit voller Energie reinzuhängen und mit Kreativität und Begeisterung ans Werk zu gehen. Damit das aber alles so funktioniert wie es soll (muss), bedarf es sehr viel mehr, als auf den Auslöser der Kamera zu drücken. Ähnlich wie bei einem Profi-Musiker haben die Nutzniesser unseres Schaffens hauptsächlich nur mit dem Endergebnis Berührung: die Menschen sehen Fotos auf Plakaten, Werbeanzeigen oder bei Leuten an der Wand hängen und verschwenden selten auch nur einen Gedanken daran, wie diese entstanden sind und was alles dahinter steckt. Dabei kann und will ich niemandem einen Vorwurf machen - nicht einmal innerhalb meiner Familie weiss jeder, was ich so wirklich mache. Wenn ich dann auch noch behaupte es sei ein Handwerk setze ich mich dem Spott der "echten" Handwerker aus: Malermeister, Dachdecker, Fliesenleger, Schreiner...

Wenn sie mir dann so richtig weh tun wollen kommen Sprüche wie "jaaa, mit deiner Kamera würde ich auch noch schöne Fotos hinkriegen!" und ich fühle mich genötigt, ihnen eine Schreibmaschine zu geben mit der Aufforderung, ein Buch zu schreiben.

Was macht so ein Fotograf eigentlich den ganzen Tag?

  • Fotografieren. Man glaubt es kaum aber ja, ich fotografiere tatsächlich. Ich tue dies allerdings nicht in einer sterilen, vordefinierten Studioumgebung sondern meist "On-Location", also dort, wo der Kunde möchte oder an einem der vielen möglichen Orte, die ich über die Zeit gefunden habe - sei es indoor oder outdoor. Das ist je nach Shoot mit einer gehörigen Logistik verbunden, man ist unterwegs, muss die Location vorbereiten, auf- und abbauen und dabei die Beteiligten bei Laune halten und für eine tolle Atmosphäre sorgen. Kreative Arbeit ist sehr anspruchsvoll, und weil (zum Glück) jeder Mensch völlig individuell ist gibt es keinerlei Standards, auf die man sich im Daily Business verlassen kann. Das erste, das ich meinen Schülern auf meinen Portrait-Workshops eintrichtere ist, dass Portraitfotografie zu 90% aus Psychologie besteht. All mein Know-How nützt mir wenig, wenn ich zu meinem Kunden am Set keine Verbindung bekomme. Das ist Arbeit - eine sehr herausfordernde, aber eben auch schöne Arbeit.

 

  • Soziale Medien, Blogging. Das, was ich hier gerade mache, ist mit eine der wichtigsten Komponenten meiner Arbeit. Wer heute nicht omnipräsent ist, der hat fast schon verloren oder eine so treue Stammkundschaft, dass er es sich leisten kann. Es ist heute einfacher denn je, Informationen und Dienstleistungen zu bekommen. Der Markt an Fotografen ist völlig übersättigt und man muss sich deutlich von der Masse abheben, um wahrgenommen zu werden. Dies kann ich einmal über meinen individuellen Stil erreichen, zum anderen aber durch Mehrwert, den ich meinen Kunden biete. Dazu gehören eben auch informative und unterhaltsame Beiträge zu verschiedenen Themen auf den gängigen sozialen Medien, interessante Aktionen einfach auch ein persönlicher Blick auf mich - wer meinen Blog liest, weiss in etwa, wie ich ticke =).

 

  • Marketing, Meetings, Networking. Fotografie ist ein knallhartes Geschäft in einem mittlerweile umkämpften Markt. Damit der Mehrwert, den ich meinen Kunden biete auch bis zu diesem durchkommt muss ich mir immer wieder neues einfallen lassen, um auf mich aufmerksam zu machen. Als Fotograf hat man in der Schweiz nur sehr wenige Plattformen, auf denen es sich lohnt zu werben, und so bekommt Networking einen sehr hohen Stellenwert. Dieses ist aber auch mitunter sehr zeitaufwändig. Meetings mit (potenziellen) Kunden wollen vorbereitet werden, und ich kann diese nicht im Schnelldurchlauf abwickeln sondern muss jedem die Zeit und Aufmerksamkeit geben, nach der das Projekt verlangt. Der Kunde weiss, was er will, ich weiss, was ich für ihn tun kann. Die Kunst besteht darin, beides miteinander zu verknüpfen, und das braucht Zeit, Engagement und Fingerspitzengefühl.

 

  • Bildbearbeitung, Produktion. Bei mir hat sich der Kreislauf entwickelt, dass ich mich - während ich  für einen Kunden shoote - bereits auf die Nachbearbeitung der Fotos freue und während ich Fotos nachbearbeite kaum erwarten kann, wieder welche zu machen. Das dieser Kern meiner Arbeit zwangsläufig von den anderen hier genannten Dingen "gestört" wird ist während der Ausübung dieser beiden Tätigkeiten völlig abwesend, da bin ich voll in meinem Element. Ich kenne wenige Kollegen, die neben ihrer Fotografie auch erfolgreiche Geschäftsleute sind - läge der Fokus meiner Leidenschaft jedoch nicht im Fotografieren und Nachbearbeiten, hätte alles andere auch wenig Sinn. Die Idee eines Kunden bis zur Auslieferung der Fotos zu begleiten und zu erleben, wie sie Gestalt annimmt - darin liegt die Faszination für mein Schaffen. 

 

  • Fortbildung. Wie ich unlängst auf der Photokina Messe erleben durfte schreitet die technische Entwicklung - und mit ihr der Anspruch an die Ergebnisse - mit schnellen Schritten voran. Hier heisst es, am Ball zu bleiben und neue Techniken nicht nur zu kennen, sondern auch anwenden zu können. Dazu gehören auch völlig neue Themen wie Videografie für Fotografen. Doch auch auf vertrauten Gebieten kommen immer wieder neue Dinge hinzu, neue Licht-Techniken, Bildbearbeitungstricks, neue Kameramodelle, Software, aber auch Marketing-Schulungen, Urheberrecht-Themen und vieles mehr. Man lernt nie aus, wie es so schön heisst.

 

  • Büroarbeit. Kommunikation, Terminplanung, Vorbereitung von Workshops, Redaktionsplan für Social Media und Blogging führen, Offerten und Rechnungen schreiben, Druckaufträge abwickeln, Website pflegen - auch das alles gehört dazu!

 

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  • Wo bleibt da der Spass? Einigen wird auffallen, dass der Spass in der unteren Grafik gänzlich zu fehlen scheint - das sieht aber nur so aus! Der Spass steckt in wirklich allem mit drin, denn alles funktioniert nur als Ganzes und dessen bin ich mir vollkommen bewusst. Nur, wenn ich all das genannte mit Freude, Begeisterung und Leidenschaft mache kann ich auch weiterhin jeden Morgen aufwachen mit dem Gefühl, den Tag damit verbringen zu können, was ich am liebsten tue.  Dieses Gefühl gäbe ich um nichts in der Welt auf.

Danke für's lesen.