Portraitfotografie: 90% Psychologie / by Nick Schreger

Ausnahmslos alle Portrait-Fotos innerhalb meines Portfolios zeigen Amateure - entweder zufriedene Kunden oder liebe Freunde, die gerne mal für frische Fotos hinhalten. Und oft werde ich gefragt wie ich es denn hinbekomme, dass die Menschen auf meinen Fotos so natürlich, ausdrucksstark und authentisch wirken...

Vorbereitung

Jedes Shooting bedarf einer gewissen Vorbereitung, weswegen ich mich vor allem für grössere Produktionen persönlich mit meinem Kunden treffe und bei einer Tasse Kaffee bespreche, was erwartet wird und wie wir an dieses Ziel gelangen können. Dabei lernt man sich in ungezwungener Atmosphäre kennen und ich bekomme ein erstes Bild von der Persönlichkeit hinter dem Gesicht. Wir sammeln Ideen und ich schildere den Ablauf und gebe wichtige Tipps wie der Shoot am besten gelingen kann und worauf es ankommt. Aber auch wenn es kein persönliches Treffen gibt bekommt mein Kunde eine ausführliche E-Mail mit Tipps und Hinweisen zum bevorstehenden Shoot. 

Atmosphäre

Farben von Kleidung, Haaren, Augen passend zum Hintergrund

Die meisten Menschen verkrampfen wenn ein Kameraobjektiv auf sie gerichtet ist. Interessanterweise sind mir diese lieber als solche Naturtalente, die ich bei einem Shoot erst einmal bändigen muss. Natürlichkeit und Authentizität kann man nicht auf Abruf darstellen - selbst Profi-Models mit vielen Jahren Erfahrung wirken auf Fotos selten so natürlich und ungezwungen wie "in freier Wildbahn". Bei einem Shooting sollte die Person vor der Kamera nicht versuchen, natürlich zu wirken - es ist stattdessen Aufgabe des Fotografen, die Grundlage für eine entspannte Atmosphäre zu schaffen damit diese Person gelöst und entspannt ist. Wer entspannt ist, muss sich nicht darum bemühen, so zu wirken. Gleiches gilt für lächeln oder lachen. Ein Fotograf, der sein Gegenüber zum lächeln oder lachen auffordern muss, hat bereits etwas falsch gemacht. Wenn ich möchte, dass die Person vor meiner Kamera fröhlich ist oder lacht, dann sorge ich dafür. Nur dann kommt es authentisch rüber und die Augen lachen mit. Eine lockere Atmosphäre am Shoot mit Musik und guter Laune ermöglicht nicht nur eine entspannte Zusammenarbeit; sie sorgt auch für Ideen und Kreativität.

Location

Ich werde wohl nie verstehen, warum Menschen für ein Fotoshooting in ein Studio gehen um sich vor eine weisse, graue oder schwarze Wand zu stellen. Der Mensch gehört in sein Umfeld, in eine Umgebung die Raum für Kontext lässt. Da es nur "interessante" oder "langweilige" Fotos gibt - und nicht etwa "gute" oder "schlechte" - ist es Aufgabe des Fotografen, den Menschen vor der Kamera so in Szene zusetzen, dass das entstehende Foto Interesse weckt. Wenn ich im Moment der Aufnahme nichts spüre und sich mein Gehirn nicht mit der Szene vor der Kamera beschäftigt, wie soll dann ein Betrachter des Fotos eine Verbindung zur Szene bekommen? Ein "interessantes" Foto beschäftigt den Betrachter und setzt Kettenreaktionen in Gang. Er nimmt nicht nur die Person, sondern auch ihr Umfeld wahr und verknüpft dies ganz unbewusst miteinander. Ein einziges Foto kann ganze Geschichten erzählen, und durch das Zusammenspiel aus Location, Outfit, Pose und Ausdruck offenbart sich ein regelrechter Interpretationsbaukasten. Unser Gehirn liebt spielerische Beschäftigung. 

Ich achte also darauf, die Location passend zur Person und zum Thema und Zweck des Shoots auszuwählen. Dabei muss man von dieser Location gar nicht so viel sehen, schliesslich ist sie nur Beiwerk und Kulisse - aber das, was man sieht, muss zu 100% passen. Ein interessantes Foto muss nicht viele Informationen tragen - aber jede Menge Raum für Interpretation lassen.

Diese Arbeitsweise ist natürlich mit viel mehr Aufwand für mich verbunden - ich muss über ein Portfolio verschiedenster Locations verfügen oder zum Kunden fahren, Material transportieren, Vorbereitungen treffen und manchmal mich dem Wetter beugen. Dafür bekommt der Kunde aber auch Fotos, die lebendig sind und Geschichten erzählen.