Fujifilm - und "weniger" ist plötzlich "verdammt viel" / by Nick Schreger

Fast alle Fotografen die ich kenne haben über die Jahre ihres Schaffens eine gewisse Markentreue entwickelt, die sie beinahe blind für andere Marken gemacht hat - das war bei mir auch so. Für mich war Canon das Mass der Dinge; Canon Bodies, Canon Objektive, Canon Blitze, Canon Zubehör, ja sogar Canon Drucker und Fotopapier. Nach einer Empfehlung gefragt, war natürlich irgend ein Canon Gerät erste Wahl. Dies alles geschah aber keinesfalls aus Hörigkeit gegenüber einem bestimmten Hersteller, sondern weil ich mit eben dieser Marke durchweg nur gute Erfahrungen gemacht hatte - sei es mit Blick auf Verarbeitungsqualität, Robustheit, Bildqualität oder Bedienungsfreundlichkeit. Man hätte mich aus dem Tiefschlaf wecken können und ich wäre sofort im Stande gewesen, mit einer meiner Kameras ein Shooting mit beständig guten Ergebnissen zu machen. Fotografen mögen keine Veränderungen, was ihr Equipment angeht - nicht, weil wir unflexibel sind, sondern weil wir uns zu 100% auf unsere Werkzeuge verlassen und in jeder Situation ihrer Stärken und Schwächen bewusst sein müssen.

Fujifilm-Typisch und unverkennbar sind hochklassige Digitalfotos mit "zuschaltbarem" analogen Touch.

Dann kam der Frühling 2014 und mein Schatz und ich machten uns an die Planung der Sommerferien. Es sollte mal wieder nach Mexico gehen, doch etwas riss mich aus meiner Komfort-Zone, denn sie bestand darauf, dass ich nur EINE Kamera und EIN Objektiv mitnehme. Sie hatte offenbar keine Lust mehr, den Urlaub mit einem wandelnden Fotorucksack zu verbringen. Mit kaltem Schweiss auf der Stirn fühlte ich mich an meine Kindheit erinnert, als ich EIN Spielzeugauto mit in die Ferien nehmen durfte und dann nachts aus dem Bett aufstand, um eine Auswahl zu treffen und diese noch unzählige Male zu verwerfen. Ich war geliefert.

Wie damals als kleiner Junge stand ich vor meinem Fotoregal und blickte auf eine Vielzahl Kameras und Objektive. Ich würde Landschaftsfotos machen wollen, also bräuchte ich ein Weitwinkelobjektiv. Da mich gleich zwei hübsche Frauen begleiten würden, käme es aber sicherlich auch zum einen oder anderen Portrait-Shooting, und unter 50mm ergibt das wenig Sinn. Was, wenn mir wilde Tiere über den Weg liefen oder bunte Vögel im Baum sässen? Ein Teleobjektiv wäre unersetzlich. Und welche Kamera? Vollformat und klobig oder APS-C und etwas kompakter? Ich machte mir Strichlisten und kam nicht so richtig vorwärts, und es mündete in einem Panik-Kauf: eine Canon (logisch!) G1X. Keine Spiegelreflexkamera, dafür kompakt, mit gutem Zoom-Objektiv und einem viel versprechenden 1" Sensor. Die Wahl fiel darauf, nachdem ich Fotos eines Kriegsberichterstatters gesehen hatte, der diese Kamera im Einsatz hatte und sie als "robusten Weggefährten" bezeichnete, dessen Bedienung einen Canon-Nutzer nicht vor neue Herausforderungen stellen würde. Ich wähnte mich also wieder in meiner Comfort-Zone.

Je nach Einstellung produziert der Fujifilm X-Trans Sensor unglaublich brillante Farben, so wie hier in der Einstellung "Velvia".

Die darauffolgenden Tage nahm ich die G1X überallhin mit, und die Ernüchterung liess nicht lange auf sich warten. Zwar hatte die Kamera einen optischen Sucher, dieser war aber nicht mehr als ein schlechter Scherz und völlig unbrauchbar. Ich musste also wie bei einer Taschenknipse über den rückseitigen Bildschirm shooten - eine absolute Zumutung und besonders bei hellem Sonnenlicht Glücksspiel, was das Einstellen der Belichtung anging. Die Bildqualität hingegen war tatsächlich nicht schlecht, aber auch nichts wirklich besonderes.

Auf einer Hochzeit im Einsatz mit der Fujifilm X100S und dem EF-X20 Blitz

Dann stiess ich auf einen Artikel im "Strobist" Blog - ich war schon immer von Lichttechnik in der Fotografie begeistert und mir fiel als erstes ein Foto auf, dessen Farben, Kontraste und Tiefenschärfe etwas absolut fesselndes hatte. Der Artikel handelte von einer Kamera, von der ich noch nichts gehört hatte - wie auch, mit meinen Canon Scheuklappen! Diese Fujifilm X100S war innerhalb des Artikels nicht ein Mal abgebildet, und doch wurde mir während ich den Artikel las klar, dass ich diese Kamera haben müsste. Schliesslich googelte ich danach, und als ich sie dann sah und weitere Artikel darüber las war die Entscheidung gefallen, und sie hätte kontroverser nicht ausfallen können. Ich, der Spiegelreflex-Shooter mit einem Haufen Objektiven und anderem Zubehör entschied mich für ein Nicht-Canon-Produkt mit nicht wechselbarem Festbrennweiten-Objektiv (35mm äquivalent) das noch dazu so aussah, als hätte ich es auf dem Kameraflohmarkt erstanden. Und es sollte die beste Anschaffung im Fotobereich sein, die ich jemals tätigte.

Ich lief fortan jeden Tag bis zu den Ferien damit durch Zürich und genoss die vielen Freiheiten, die mir die vermeintlichen Einschränkungen plötzlich boten. Mal ganz abgesehen von der Kompaktheit und der überragenden Bildqualität merkte ich, dass mich die Tatsache, keine Objektive wechseln zu können, vor ganz neue kreative Herausforderungen stellte. Diese willkommene "Entschleunigung" meiner alt eingesessenen Arbeitsprozesse brachte verblüffende Ergebnisse zutage. Allein die Möglichkeit, im elektronischen Sucher bereits vor Drücken des Auslösers das fertige Bild und dessen Belichtung sehen zu können, war genial. Völlig überzeugt von der Kamera kaufte ich mir noch den TCL-X100 Teleconverter für die X100S, ein aufschraubbares zusätzliches optisches Element, welches die Brennweite von 35mm auf 50mm anheben und somit schönere Portraitfotos ermöglichen würde. 

Ohne meine Freundin wäre ich wahrscheinlich niemals zu Fujifilm und solchen Urlaubsfotos gekommen...

Nach fast einem Monat in Mexico kehrte ich mit atemberaubenden Fotos zurück, von denen viele überhaupt nur dank der Optik und Beschaffenheit der X100S möglich waren - sah sie doch aus, wie eine antike Filmkamera vor der Menschen keine Scheu hatten und für die sich Langfinger nicht interessierten. Ich kam nah an Menschen und ihre Geschichten heran und wünschte nicht ein einziges Mal eine meiner grossen Kameras herbei. Sogar ein paar Portrait-Shootings waren möglich, und die Kamera schlug sich so gut dabei, dass ich sie nach diesem Urlaub auch für Auftragsarbeiten einsetzte - sehr zur Verwunderung der Kunden, die über meine sehr extravagant anmutende Ausrüstung oft auch verunsichert waren. Anfangs nahm ich sogar noch "Alibi-Equipment" in Form einer DSLR und 1-2 "professionellen" Objektiven mit, nur damit der Kunde nicht an meiner Professionalität zweifelt. Ich begann dann mit der DSLR und schwenkte irgendwann über zur Fujifilm Kamera - um am Ende zu 90% Fotos der X100S zu verwenden.

Die X100S schlug sich hervorragend in allen Disziplinen

Die X100S schlug sich hervorragend in allen Disziplinen

Der eingebaute Blitz der X100S eignete sich sehr gut als Aufhellblitz bei starker Sonne

Der eingebaute Blitz der X100S eignete sich sehr gut als Aufhellblitz bei starker Sonne

Von da an ging es Schlag auf Schlag. Völlig überzeugt von der Qualität und Vielseitigkeit der Fujifilm-Kameras erweiterte ich meine Ausrüstung um weitere Modelle mit Wechselobjektiven. Ich dachte mir, wenn diese kleine Kamera mit Festobjektiv schon so gut ist, wie muss es dann erst mit einer Fujifilm Systemkamera sein? Auch las ich immer wieder von begeisterten, angesagten Fotografen weltweit, dass sie von Spiegelreflex zu Fujifilm umgestiegen seien, und anhand ihrer Fotos war klar, dass diese Entscheidung richtig war. Es ist das Zusammenspiel hochwertiger, perfekt auf die Kameras abgestimmter Fujifilm Objektive und der verbauten X-Trans Sensoren, das die Arbeit und Ergebnisse mit diesen Kameras so einzigartig macht. Dies ist auch ein Alleinstellungsmerkmal von Fujifilm gegenüber Mitbewerbern wie Sony, Pentax und Olympus, die selber keine Optiken in der Qualität von Fujifilm zustande bringen. Besonders Sony ist hier absolut abhängig von Zeiss und wagt sich erst seit kurzem mit eigenen Lichtstarken Objektiven auf den Markt, die dann aber vom Preis her jenseits von Gut und Böse liegen. Hinsichtlich Farbwiedergabe, Schärfe und Formfaktor können Fujifilm Kameras und Objektive eigentlich nur mit Leica verglichen werden, und auch diese liegen preislich in für mich und die meisten anderen Fotografen unerreichbaren Spähren.

Die kamerainternen Presets für Schwarz-Weiss Aufnahmen können sich ebenfalls sehen lassen (Fujifilm X-T1, Fujinon 56mm f1.2 Objektiv)

Fujifilm als Hersteller zeichnet sich aber auch durch andere Fakten deutlich von seinen Mitbewerbern ab. Wie kein anderer mir bekannter Hersteller sorgt sich Fujifilm um eine nachhaltige Zufriedenstellung seiner Kunden - und das auch Jahre nachdem sie ein Produkt gekauft haben. Dienen Firmware-Updates bei Canon, Nikon, Pentax usw. fast ausschliesslich dazu, Fehler in der Gerätesoftware auszubessern, liefert Fujifilm darüber neue Funktionen und teils erhebliche Verbesserungen vorhandener Funktionen an seine Kunden. Vielfach sind diese Neuerungen so bedeutend, dass aus einer Kamera, die bereits seit zwei Jahren auf dem Markt ist, eine beinahe völlig neue Kamera wird - so geschehen mit den Modellen X-T1 und X-E2. Anstatt den Kunden an eine Neuanschaffung heranzuführen liefert der Hersteller kostenlos Funktionen nach, die in neueren Modellen vorhanden sind - sofern dies technisch möglich ist. Bei den Modellen X-T1 und X-E2 waren diese Neuerungen für mich persönlich so bedeutsam, dass ich mich von meiner gesamten Canon-Ausrüstung trennen konnte und meine Fujifilm Kameras und Objektive vollumfänglich einsatzfähig sind und sogar noch bessere Ergebnisse bieten, als zuvor die Spiegelreflexkameras. Dabei ist auch meine Effizienz erheblich gestiegen, da ich nun nur noch einen Bruchteil an Ausrüstung mit mir schleppen muss - das X-System ist erheblich kompakter und leichter.

Natürliches Licht und die X-Trans-Sensor typischen warmen Farbtöne (Fujifilm X100T)

Erst am vergangenen Wochenende habe ich ein komplettes Fotoshooting mit drei Models und Stylistin mit nur einer Fujifilm X100T (dem Nachfolgemodell meiner geliebten X100S) abwickeln können. In den Monaten davor ging ich oft nur mit einer kleinen Fototasche zu Aufträgen und freute mich immer wieder über verblüffte Kunden, denen ich noch während des Shoots Fotos auf dem iPad zeigen konnte - die hervorragende WiFi-Funktion der Fujifilm Kameras macht's möglich.  Doch nicht nur das Fotografieren macht viel mehr Spass - Fujifilm Kameras eignen sich auch hervorragend, um Fotografieren zu lernen.

In meinen Workshops lege ich grossen Wert darauf, dass wirklich jeder Teilnehmer mit Antworten und einer Menge Inspiration nach Hause geht. Da ist es wichtig, Know-How verständlich und anschaulich rüberbringen zu können, und das geht am einfachsten mit einer spiegellosen Fujifilm Kamera. Warum? Zum Einen ist es von erheblichem Vorteil, die Auswirkungen bestimmter Einstellungen wie Verschlusszeit, ISO und Blende in Echtzeit am Bildschirm sehen zu können. Sowohl der Rückseitige LCD-Bildschirm als auch die einzigartigen elektronischen Sucher zeigen das Foto bereits mit allen Einstellungen so an, wie es beim Druck auf den Auslöser sein wird. Vorbei die Zeiten des ständig auf den Bildschirm starren. Ich kann meinen Schülern live demonstrieren, wie Parameter zueinander stehen und welche Auswirkungen eine bestimmte Veränderung auf das Foto haben wird, ohne ein Foto machen zu müssen. Ein weiterer grosser Vorteil besteht darin, dass fast alle Fujifilm Kameras die wesentlichen Bedienelemente frei zugänglich auf der Kamera haben. Man muss nicht erst in Menüs danach suchen - die Blende wird über den Blendenring am Objektiv, die Verschlusszeit und ISO über ein Wählrad auf der Kamera eingestellt. Selbst im ausgeschalteten Zustand sieht man so auf einen Blick, wie die Kamera eingestellt ist. Dies sorgt für eine ungeheure Übersichtlichkeit und sehr intuitive Bedienung - ich kann einem beliebigen Fotografen eine meiner Fujis in die Hand drücken und er kann sofort damit arbeiten weil alles sofort ersichtlich ist.

Geschossen mit einer Fujifilm X100T und dem Fujifilm EF-X20 Blitz - ein hervorragendes Beispiel dafür, wie viel mit ganz wenig Fuji möglich ist

Mit der Fujifilm X-Pro 2 kam heute das jüngste Mitglied zu meinem mittlerweile beachtlichen Fujifilm-Fuhrpark hinzu - ein bemerkenswertes Gerät, welches nun wirklich überhaupt keine Wünsche mehr offen lässt. Wer selber den Einstieg in die X-Welt wagen will, dem empfehle ich entweder den Kauf einer neuen X70 oder einer gebrauchten X-E2. Letztere hat mit aktueller Firmware ein ungeheures Potenzial und ist auf dem Gebrauchtmarkt zu sehr erschwinglichen Preisen erhältlich. Für den Anfang empfehle ich das 35mm f2 Objektiv, welches sehr gute Qualität zu einem guten Preis bietet. Die neue X70 hat hingegen wie die X100S und X100T ein fest verbautes Objektiv und sehr kompakte Masse, verzichtet dabei allerdings auf einen optischen bzw. elektronischen Sucher. Die Bildqualität ist mit der wesentlich teureren X100T gleichauf, eine tolle Kamera also die man im Alltag dabei haben kann und mit der man buchstäblich aus dem Handgelenk klasse Fotos machen kann.

Gerne dürft ihr mich mit euren Fragen zum Thema Fujifilm löchern. Schaut auch mal unter "Workshops" nach, dort biete ich von Zeit zu Zeit einen Workshop zum Thema spiegellos fotografieren an dem ihr so ziemlich jede Fujifilm Kamera und jedes Fujifilm Objektiv unter realen Shootingbedingungen mit einem Model antesten könnt!