Warum Smartphones (richtige) Kameras nicht ersetzen können / by Nick Schreger

...und wohl auch nie werden.

Ich war neulich in der wunderschönen Stadt Prag und hätte den unzähligen Smartphone- (oder sogar iPad-) Fotografen am liebsten der Reihe nach in den Hintern getreten. Wer eine solche Städtereise macht und keine anständige Kamera mitnimmt, sollte zu Hause bleiben! Selbst eine billige, moderne Kompaktkamera macht viel bessere und wesentlich brauchbarere Fotos als ein Smartphone.

Auch kenne ich Familien, in denen die Eltern Fotos ihrer Kinder fast ausschliesslich auf dem Smartphone gehortet haben - einige besitzen nicht einmal ein Backup davon auf dem heimischen PC. Wenn ich diese dann frage was denn passiert, wenn sie das Smartphone einmal verlieren, bekomme ich Antworten von "ach, das ist mir noch nie passiert" bis hin zu "ich habe ja noch etliche davon auf Facebook gesichert." Meinen Einwand, dass sie die auf Facebook "gesicherten" niemals vernünftig ausdrucken könnten, überhören sie gekonnt.

Gleich zwei Verbrechen in einem: 1. Landschaftsfotografie mit dem Smartphone, 2. Horizont durch die Bildmitte.

Gleich zwei Verbrechen in einem: 1. Landschaftsfotografie mit dem Smartphone, 2. Horizont durch die Bildmitte.

Was stimmt mit diesen Menschen nicht? Einige sind sicherlich einfach nur ignorant und egoistisch und denken wahrscheinlich nicht daran, dass ihre Kinder eines Tages mal Fotos von sich und ihrer Familie haben möchten. Andere wüssten gerne mehr zum Thema und freuen sich über Informationen dazu - diesen widme ich diesen Beitrag.

Kleiner Sensor = Miese Bildqualität

Für die Bildqualität einer Kamera ganz entscheidend ist die Sensorgrösse und nicht etwa die Anzahl Megapixel. Ein Smartphone hat einen winzigen Bildsensor, ein Vielfaches (!) kleiner als der einer billigen Einsteiger-Spiegelreflexkamera. Fotos, die mit dem Smartphone geschossen werden, sehen nur auf dem Smartphone oder Tablet gut aus und verlieren massiv an Bildqualität, wenn man sie grösser als A5 ausdrucken will. Zudem wird die Bildqualität so richtig grottig, wenn man bei Kunstlicht oder allgemein wenig Licht fotografieren will, denn je kleiner ein Sensor ist, desto anfälliger ist dieser für Bildrauschen. Plakatwerbung in Städten die behauptet, das Foto sei mit einem iPhone geschossen, ist irreführend. Auf jedem dieser Plakate findet sich der klein gedruckte Hinweis, dass das Foto "für den Grossformatdruck speziell bearbeitet" wurde. Die Hersteller lügen und kreieren gerade mit Erscheinen der Smartphones iPhone 7 Plus und Google Pixel eine trügerisches Bild "professioneller" Smartphone-Kameras, das einem tête-a-tête mit einer günstigen Einsteiger-Spiegelreflexkamera niemals standhalten könnte - geschweige denn mit einer modernen spiegellosen wie der hier von mir vorgestellten Fujifilm X-T10. 

Apple geht sogar so weit, dass in den Apple-Stores "Workshops" angeboten werden mit solch hoffnungsvollen Titel wie "Anspruchsvoll fotografieren mit dem iPhone", die sich als plumpe Verkaufsveranstaltungen entpuppen, wie ich beim Besuch eines solchen "Workshops" erfahren musste. Das Video dazu seht ihr hier.

Das Ideenreichtum der Hersteller hat aber noch mehr zu bieten: Huawei zum Beispiel vermarktet die Kameramodule indem sie behaupten, diese seien ein Werk des traditionsreichen Herstellers Leica. Ein Auszug aus der gesammelten Bullshit-Tirade des Huawei-Marketings zum P9:

HUAWEI und Leica haben gemeinsam diese beeindruckende Dual-Lens-Kamera entwickelt […] Das HUAWEI P9 macht brillante Farb- und wirkungsvolle Schwarz-Weiss-Aufnahmen mit dem emotionalen Flair von Leica-Fotos […] Bilder wie mit einer Profi Kamera.
— http://consumer.huawei.com/de/mobile-phones/p9/index.html

Vorweg: an dieser Kamera ist NICHTS von Leica, lediglich die Verwendung des Namens wurde teuer erkauft. Jedem Fotografen rollen sich angesichts solcher Augenwischerei die Fussnägel nach hinten auf; erst recht, wenn man dann erfährt dass Huawei zu Beginn der Marketingkampagne mit einem Foto warben, welches mit einer professionellen Canon Vollformat-Spiegelreflexkamera geschossen wurde und nicht wie suggeriert mit der "Leica" Kamera des P9 (Link zum Artikel). 

"Bilder wie mit einer Profi-Kamera"

Aussagen wie diese wecken beim unbedarften Konsumenten Hoffnungen, bei Fotografen Brechreiz. Zunächst sei  statuiert dass es verdammt nochmal keine "Profi-Kameras" gibt. "Professionell" ist kein Qualitätsmerkmal sondern eine Information, dass jemand eine Tätigkeit als Beruf (Profession) ausübt. Wenn ich also eine Lego-Kamera mit zu einem Shoot nehme, ist das genauso eine "Profi-Kamera" wie jede andere, mit der ich arbeite. Wäre es auch nur ansatzweise möglich, mit Smartphone-Kameras zu schaffen, dann wären wir Berufsfotografen doch allesamt bescheuert, Taschen und Rollkoffer voller Equipment mit uns herum zu schleppen, oder? 

Die "Leica-Dual-Objektive" sind NICHT von Leica sondern werden in China hergestellt.

Die "Leica-Dual-Objektive" sind NICHT von Leica sondern werden in China hergestellt.

Die Verwendung des Adjektivs "professionell" kann sich demnach nur auf technische und haptische Merkmale einer Kamera beziehen, die denen einer vollwertigen, von Berufsfotografen verwendeten Kamera entsprechen. Und hier versagen sämtliche Smartphone-Kameras jämmerlich.

Die Hersteller - allen voran Apple - kontern aber geschickt und versuchen so viele dieser Merkmale wie nur eben möglich in ihre Geräte zu stecken - und sei es auch nur pro forma.

Shooten im RAW-Format

Ein oft gehörter Einwand gegen Smartphone-Kameras war der, dass diese nicht im RAW-Format shooten könnten. Das RAW Format bedeutet, dass die Kamera ihre Bilddaten vollumfänglich abspeichert anstatt die Fotos intern zu bearbeiten und auf eine Social-Media verträgliche Dateigrösse zu schrumpfen. Davon profitieren diejenigen, die ihre Fotos nachbearbeiten wollen, denn je mehr solcher "Rohdaten" ("raw"= engl. "roh") in einer Bilddatei vorhanden sind, desto besser lässt sich diese nachbearbeiten. Theoretisch. Denn die winzigen Sensoren sind überhaupt nicht in der Lage, Daten in einer Qualität zu liefern, die eine solche Nachbearbeitung erfordern würde. Der tatsächliche Nutzen ist so gering, dass es sich dafür nicht lohnt, ein vielfaches grössere Dateien in Kauf zu nehmen. Apple ist sich des Unsinns sogar soweit bewusst, dass ihre eigene Kamera-App gar nicht erst die Funktion bietet, im RAW-Format zu shooten. Stattdessen haben sie lediglich den Zugriff auf RAW-Dateien für Drittanbieter-Apps freigeschaltet.

Information am Rande: jede Kamera, auch die des allerersten iPhone, shootet RAW. Nur werden diese Dateien sofort nach jedem Foto von der Software im Smartphone bearbeitet, dann komprimiert und die RAW-Datei sofort aus Platzgründen gelöscht.

Tiefenschärfe

"Das sieht richtig professionell aus" hört man oft bei Portraits, bei denen der Hintergrund verschwommen ist und die Person deswegen so richtig toll zur Geltung kommt. Dieser "professionelle" Effekt ist aber gar keiner und entsteht basierend auf optischen Gesetzen im Zusammenspiel von Sensorgrösse, Blendenöffnung und Distanz zwischen Objektiv und Subjekt. Einfach gesagt: je grösser der Sensor und die Blendenöffnung, desto unschärfer der Hintergrund. Dieser "Effekt" wird noch verstärkt, wenn die Distanz zwischen Objektiv und Subjekt vor der Kamera verringert wird. Ein Smartphone hat aber weder einen grossen Sensor noch eine ausreichend grosse Blendenöffnung, weswegen auf Smartphone-Fotos von Vorder- bis Hintergrund immer alles knackscharf ist. Die etwas besseren Smartphone-Kameras kriegen so einen Effekt allenfalls dann hin, wenn man sich mit der Linse ganz nah (bis auf wenige Zentimeter) dem Subjekt nähert. 

Auf Demo-Fotos der Hersteller sind demnach auch stets solche Motive zu sehen, bei denen eine solche "Freistellung" des Vordergrundes nicht wichtig ist. Entweder sind dies Landschaftsfotos, Party-Schnappschüsse oder Portraits, bei denen die Person dicht vor einem Hintergrund steht. Perfide, nicht wahr?

Das jeweilige Maximum an Hintergrund-Unschärfe: iPhone und gute Einsteiger-Kamera (Fujifilm X-T10). Muss man das noch weiter kommentieren?

Das jeweilige Maximum an Hintergrund-Unschärfe: iPhone und gute Einsteiger-Kamera (Fujifilm X-T10). Muss man das noch weiter kommentieren?

Gegen naturwissenschaftliche Gesetze kommt auch Apple nicht an, und so verwunderte es als es in Ankündigungen zum iPhone 7 Plus hiess, die Kamera sei dazu imstande, ein "echtes Bokeh" zu erzeugen. Als "Bokeh" werden unscharfe Lichtpunkte im Hintergrund bezeichnet, oft auch allgemein die Hintergrund-Unschärfe eines Fotos. Diese vollmundige Ankündigung bekam schliesslich einen lächerlichen Touch als sich herausstellte, dass Apple dies per Software faken würden. Die Kamerasoftware entscheidet also, was wohl zum Hintergrund gehören muss und macht diese stellen im Foto dann nachtäglich unscharf damit viele Millionen Laien ungefähr das zu sehen bekommen, was ein Foto "professionell" aussehen lässt. Dass diese Hintergrundunschärfe nichts mit dem tatsächlichem Bokeh eines hochwertigen Objektivs (und Sensors) zu tun hat, wen interessiert das schon. Möglich wird das auch nur dank der Doppellinse des iPhone 7 Plus, denn anhand des Parallax-Versatzes der Bilder beider Objektive errechnet die Kamerasoftware die unscharf zu machenden Bereiche. 

Unterm Strich

Smartphones-Kameras sind in vielerlei Hinsicht besser geworden, haben aber alle ein und dasselbe Problem: sie sind eingesperrt in einem Gerät, dessen Ansprüche and Grösse und Handlichkeit konträr zu den Bedürfnissen einer Kamera stehen. Es wird nie den Platz für ausreichend grosse Sensoren und Objektive geben! Selbst wenn die Technik eines Tages so weit vorangeschritten sein sollte und Hochleistungssensoren in Nano-Grösse herstellen kann, hebt dies noch immer nicht die optischen Gesetze der Natur auf. Smartphone-Fotografie wird immer eine Summe an Kompromissen sein. Angesichts bereits erhältlicher hochwertiger Kompaktkameras in Hosentaschengrösse wie der Fujifilm X70 (die ich bald hier vorstellen werde) ist es aber auch überhaupt nicht nötig, sich mit Tricksereien der Smartphone-Hersteller abzugeben.

Foto macht man mit einem Fotoapparat, Punkt.